Anacamptis morio subsp. syriaca
Eine kleine Orchidee, die leicht mit dem bei uns bekannten Kleinen Knabenkraut (Anacamptis morio) verwechselt werden kann, ist Anacamptis morio subsp. syriaca, das Syrische Knabenkraut. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine mediterrane Variante des vertrauten Knabenkrauts. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch einige charakteristische Unterschiede.
Das Syrische Knabenkraut gehört zur großen und formenreichen Gruppe um Anacamptis morio. Die heute anerkannte taxonomische Einordnung als Unterart von Anacamptis morio geht auf neuere systematische Arbeiten zurück; ältere Literatur und viele Orchideenführer führen die Pflanze dagegen noch als Anacamptis syriaca oder Orchis syriaca.
Die Pflanzen bleiben meist relativ klein und erreichen ungefähr 12 bis 30 Zentimeter Höhe. Aus den unterirdischen Knollen entwickelt sich ein aufrechter, unverzweigter Stängel mit einer lockeren grundständigen Blattrosette. Die Blätter sind schmal-lanzettlich und – anders als bei manchen verwandten Sippen – ungefleckt.


Der Blütenstand ist meist kompakt und trägt zahlreiche kleine Blüten. Besonders auffällig ist ihre oft helle Färbung: Die Blüten können weißlich, zartrosa bis violett erscheinen, während die Adern des Helms häufig grünlich gefärbt sind.
Wer die Art sicher erkennen möchte, sollte einen Blick auf die Lippe werfen. Die dreigeteilte Lippe ist bei A. morio subsp. syriaca im mittleren Bereich ungefleckt. Gerade dieses Merkmal ist für die Unterscheidung von anderen Vertretern des Anacamptis-morio-Komplexes hilfreich. Auch der relativ kurze, zylindrische und leicht nach oben gerichtete Sporn gehört zu den charakteristischen Merkmalen.
Allerdings sollte man sich bei der Bestimmung nicht auf ein einziges Merkmal verlassen. Die Färbung kann innerhalb der Sippe beträchtlich variieren. Neben sehr hellen Pflanzen kommen auch deutlich dunkler gefärbte Exemplare vor.
Das macht die Art zu einem guten Beispiel dafür, wie schwierig die Abgrenzung nah verwandter Orchideen manchmal sein kann.
Von Zypern bis in die Levante
Das natürliche Verbreitungsgebiet liegt im östlichen Mittelmeerraum. Die Unterart kommt auf Zypern, im südlichen Teil der Türkei sowie in Syrien und im Libanon vor.
Damit besitzt sie ein deutlich anderes Areal als die Nominatform Anacamptis morio subsp. morio, deren Verbreitung große Teile Europas umfasst.
Zypern liegt dabei nicht nur am Rand des Verbreitungsgebietes, sondern gehört zum natürlichen Areal der Sippe. Für eine Reise zur Beobachtung wild wachsender Orchideen ist sie deshalb eine interessante Begegnung.
Anacamptis morio subsp. syriaca besiedelt vor allem offene, sonnige und eher trockene Standorte. Sie findet sich auf kalkreichen Wiesen und Hängen, in Garrigue, an Waldrändern und in lichten Gehölzen. Auch extensiv genutzte Weideflächen und offene Bereiche in Olivenhainen können geeignete Lebensräume darstellen.
Dabei reicht ihr Vorkommen von relativ niedrigen Lagen bis in montane Regionen. Im Libanon wurde sie beispielsweise bis in Höhen von etwa 1.600 Metern beobachtet.
Wie bei vielen mediterranen Orchideen ist der Frühling die entscheidende Jahreszeit. Während die Sommerhitze die oberirdischen Pflanzenteile längst verschwinden lässt, spielt sich der größte Teil des Jahres unter der Erde ab.
Gerade auf Zypern kann man deshalb schon relativ früh im Jahr auf diese Orchidee treffen.
Das macht sie auch zu einer interessanten Art für Reisen im März und April – zu einer Zeit, in der viele mediterrane Landschaften bereits einen erstaunlichen Blütenreichtum zeigen, während in Mitteleuropa der Frühling gerade erst beginnt.
Die wechselvolle taxonomische Geschichte dieser Orchidee ist fast so interessant wie die Pflanze selbst.
Ursprünglich wurde sie als Orchis morio subsp. syriaca beschrieben. Später wurde sie unter anderem als Orchis syriaca und schließlich als Anacamptis syriaca geführt. Heute wird sie zumeist als Anacamptis morio subsp. syriaca akzeptiert.
Wer ältere Orchideenliteratur verwendet, wird deshalb immer wieder auf unterschiedliche Namen stoßen. Das ist bei den Orchideen keine Seltenheit: Neue Erkenntnisse über Verwandtschaftsverhältnisse führen dazu, dass Arten neu eingeordnet, zusammengeführt oder in andere Gattungen gestellt werden.
Für den Leser ist deshalb wichtig zu wissen: Anacamptis syriaca, Orchis syriaca und Anacamptis morio subsp. syriaca bezeichnen in diesem Zusammenhang dieselbe Sippe.
Obwohl ihre Blüten für eine Orchidee durchaus auffällig sein können, ist die Pflanze insgesamt eher unscheinbar. Zwischen Gräsern und mediterraner Begleitvegetation kann sie leicht übersehen werden.
Gerade das macht die Suche nach ihr interessant. Wer einmal gelernt hat, auf die kleinen, ungefleckten Blätter und den charakteristischen Blütenstand zu achten, nimmt plötzlich eine Orchidee wahr, die vorher leicht zwischen den anderen Frühlingsblumen verschwunden wäre.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten der Orchideensuche: Man muss nicht immer nach spektakulären Blüten Ausschau halten. Manchmal beginnt die Entdeckung mit einer kleinen Pflanze, die man beinahe übersehen hätte.











