Gsellmanns Weltmaschine
In einem unscheinbaren Bauernhof im oststeirischen Kaag bei Edelsbach, unweit von Feldbach, befindet sich eines der ungewöhnlichsten Kunstwerke Österreichs: die "Weltmaschine" von Franz Gsellmann. Sie sieht aus wie eine Mischung aus technischer Apparatur, Jahrmarktsattraktion und einem völlig außer Kontrolle geratenen Maschinenraum. Zahnräder drehen sich, Glühbirnen leuchten, Glocken klingeln, Vogelpfeifen zwitschern und zahlreiche Teile bewegen sich gleichzeitig.
Hinter diesem eigenartigen Kunstwerk steht jedoch keine Gruppe von Ingenieuren oder Künstlern, sondern ein oststeirischer Bauer, der mehr als zwei Jahrzehnte seines Lebens mit dem Bau seiner Maschine verbrachte.


Die Begegnung mit dem Atomium
Franz Gsellmann wurde 1910 in Edelsbach geboren. Schon als junger Mann interessierte er sich für Elektrizität und Maschinen. Seinen Wunsch, Elektriker zu werden, konnte er jedoch nicht verwirklichen, weil er den elterlichen Bauernhof übernehmen musste.
Der entscheidende Moment kam 1958. In einer Zeitung sah Gsellmann ein Foto des gerade für die Brüsseler Weltausstellung errichteten "Atomiums". Das gewaltige Bauwerk aus neun miteinander verbundenen Kugeln faszinierte ihn so sehr, dass er beschloss, es selbst zu sehen.
Gsellmann ging über 3o Km zu Fuß zum nächstgelegenen Bahnhof in Feldbach und fuhr mit dem Zug nach Brüssel und besichtigte die Weltausstellung. Dort zeichnete er das Atomium ab und nahm eine kleine Nachbildung mit nach Hause. Nach seiner Rückkehr begann er, um dieses Modell herum eine eigene Maschine zu bauen. Das Atomium wurde zum Ausgangspunkt eines Projekts, dessen Dimensionen zu diesem Zeitpunkt wohl niemand erahnen konnte.
23 Jahre Arbeit
1958 begann Gsellmann mit seiner Konstruktion, 1981, wenige Monate vor seinem Tod, war sie fertig. 23 Jahre lang arbeitete er daran.
Die Arbeit fand zunächst weitgehend heimlich statt. In einem abgedunkelten und verschlossenen Raum des Bauernhofes baute Gsellmann seine Maschine Stück für Stück zusammen. Selbst seine Familie bekam lange Zeit kaum zu sehen, was dort entstand. Erst nach mehreren Jahren zeigte er seinen Angehörigen erstmals einen Teil seiner Arbeit.
Die Bauteile suchte er auf Flohmärkten, Schrottplätzen und bei Gebrauchtwarenhändlern. Alles, was ihm interessant erschien und sich irgendwie in seine Konstruktion integrieren ließ, konnte Teil der Maschine werden. Nach und nach entstand dadurch ein völlig eigenständiges Universum aus technischen Geräten, Spielzeug, Haushaltsgegenständen und Fundstücken.
Was steckt in der Weltmaschine?
Eine eindeutige Funktion besitzt die Maschine nicht. Genau genommen ist gerade ihre "Zwecklosigkeit" ein wesentlicher Bestandteil ihrer Faszination.
Rund 2.000 Einzelteile sollen in der Konstruktion verbaut sein. Etwa 25 Elektromotoren setzen verschiedene Mechanismen in Bewegung. Rund 200 Glühbirnen sorgen für Licht, dazu kommen zahlreiche Glocken, Vogelpfeifen, Räder, Schläuche, Drähte und andere bewegliche Elemente.
Dabei findet sich Erstaunliches nebeneinander: ein Orgelgebläse, eine Infrarotlampe, ein Klapotetz, Spielzeug, Kruzifixe, Haushaltsgeräte, eine kleine Raumkapsel und unzählige andere Gegenstände. Manche Teile drehen sich, andere schwingen oder bewegen sich hin und her. Dazu kommen Geräusche und Lichtblitze.
Das Ergebnis erinnert weniger an eine herkömmliche Maschine als an einen eigenen kleinen Kosmos.




Warum "Weltmaschine"?
Interessanterweise stammt die Bezeichnung "Weltmaschine" nicht von Franz Gsellmann selbst. Er sprach schlicht von seiner "Maschin". Der heutige Name entstand später, weil sich kein konkreter Zweck erkennen lässt und die Konstruktion tatsächlich den Eindruck einer eigenen kleinen Welt vermittelt.
Auch Gsellmann selbst gab auf die Frage nach dem Sinn seiner Maschine keine eindeutige Erklärung. Vielleicht wollte er auch gar keine liefern. Die Maschine sollte offenbar nicht etwas Bestimmtes herstellen oder eine technische Aufgabe erfüllen. Sie war das Ergebnis seiner persönlichen Vorstellungskraft und seines jahrzehntelangen Arbeitens.
Gerade deshalb lässt sie sich heute als "kinetisches Kunstwerk" oder als außergewöhnliche Form der Objektkunst betrachten.
Zwischen Bauernhof und Kunst
Franz Gsellmann sah sich selbst vermutlich nicht als Künstler im heutigen Sinn. Er war Bauer und Tüftler, der seine Maschine aus einer persönlichen Faszination heraus entwickelte. Zu seinen Lebzeiten wurde seine Arbeit in seiner Umgebung deshalb eher belächelt, nicht unbedingt als Kunst anerkannt.
Heute wird die "Weltmaschine" anders betrachtet. Sie steht unter Denkmalschutz und gilt als bedeutendes Beispiel österreichischer Außenseiter- beziehungsweise Art-brut-naher Kunst. Ausstellungen und Veröffentlichungen haben dazu beigetragen, dass Gsellmanns Werk auch über Österreich hinaus bekannt wurde. 2016/17 wurde die Weltmaschine sogar in Brüssel, also genau dort, wo ihre Geschichte begonnen hatte, in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst gezeigt.
Die Weltmaschine lebt weiter
Franz Gsellmann starb 1981. Damit verlor die Maschine ihren Erbauer und zugleich den einzigen Menschen, der ihre gesamte Konstruktion kannte. Die vielen beweglichen Teile benötigen regelmäßige Wartung, und Ersatzteile sind teilweise schwer zu beschaffen.
Die Familie hat die Weltmaschine jedoch erhalten. Heute kümmert sich insbesondere Gsellmanns Enkel Franz Gsellmann gemeinsam mit weiteren Helfern um den Betrieb und die Wartung. Dabei soll die Maschine möglichst unverändert und authentisch erhalten bleiben.
Der ehemalige Bauernhof ist inzwischen ein Museum. Besucher können die Maschine in Betrieb erleben und dabei nicht nur die unzähligen Einzelteile betrachten, sondern auch erfahren, wie sie entstanden ist.



Ein ungewöhnlicher Ort
Die Weltmaschine wirkt gerade deshalb so faszinierend, weil sie nicht in einem großen Museum für moderne Kunst steht. Sie befindet sich dort, wo Franz Gsellmann sie geschaffen hat: auf seinem ehemaligen Bauernhof in der oststeirischen Landschaft.
Man kommt durch eine ländliche Umgebung mit Feldern und Wäldern und steht wenig später vor einem Kunstwerk, das mit dieser Umgebung zunächst überhaupt nichts gemeinsam zu haben scheint. Gerade dieser Gegensatz macht den Besuch besonders interessant.
Wenn die "Maschin" eingeschaltet wird, beginnt das scheinbare Chaos: Motoren setzen sich in Bewegung, Räder drehen sich, Lampen leuchten und überall entstehen Geräusche. Nichts davon ergibt einen offensichtlichen Sinn – und genau darin liegt die Idee.
Die Weltmaschine ist kein Gerät, das eine Aufgabe erfüllt. Sie ist selbst die Aufgabe, die sich Franz Gsellmann gestellt hatte. 23 Jahre lang baute er daran, ohne sich von fehlender Anerkennung oder dem fehlenden praktischen Nutzen abbringen zu lassen.
Heute gehört seine "Maschin" zu den ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten der Steiermark und zeigt eindrucksvoll, dass Kunst nicht unbedingt in einem Atelier oder einer Galerie entstehen muss. Manchmal entsteht sie auch in einem kleinen Bauernhof, wenn jemand eine Idee hat und sie einfach nicht mehr loslässt.













