Albinismus und Hypochromie bei Orchideen

Wenn die Farbe verschwindet
Die ungewöhnliche Färbung einer Orchidee kann viele Ursachen haben. Manche Pflanzen blühen nur etwas heller als ihre Artgenossen, andere verlieren einen großen Teil ihrer charakteristischen Blütenfarbe und erscheinen fast vollständig weiß oder gelblich. Solche Erscheinungen sind bei europäischen Orchideen zwar selten, aber keineswegs außergewöhnlich.
Dabei ist es wichtig, zwischen "Hypochromie", "Albinismus" und "Chloranthie" zu unterscheiden. Eine weiße oder sehr blasse Blüte ist nämlich nicht automatisch eine "albinotische" Pflanze. Die Farbe einer Orchideenblüte entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Pigmente. Rote, violette und purpurfarbene Töne werden vor allem durch Anthocyane hervorgerufen, Gelb- und Orangetöne hauptsächlich durch Carotinoide. Auch Chlorophyll kann zur grünen Färbung von Blüten beitragen.

Hypochromie – wenn die Blütenfarbe schwächer wird
Am häufigsten beobachtet man bei Orchideen hypochrome Formen. Bei ihnen ist die Bildung bestimmter Blütenpigmente vermindert oder teilweise gestört. Die Blüten erscheinen dadurch deutlich heller als normalerweise.
Je nach Art kann eine hypochrome Pflanze beispielsweise weiß statt rosa oder purpurfarben, blassrosa statt kräftig rosa, gelblich statt rötlich, grünlich-weiß statt farbig erscheinen. Häufig verschwinden die Farbpigmente nicht vollständig. Einzelne Flecken, Adern, Zeichnungen oder Farbzonen können erhalten bleiben.
Besonders auffällig sind Pflanzen, bei denen der Rot- oder Purpuranteil nahezu vollständig fehlt. Bei einer eigentlich intensiv gefärbten Orchidee kann dadurch eine Blüte entstehen, die auf den ersten Blick kaum noch an die normale Blütenfarbe der Art erinnert. Die Bezeichnung "hypochrom" ist deshalb für viele der bei europäischen Orchideen beobachteten Farbabweichungen treffender als "Albino".

Albinismus – wenn Chlorophyll fehlt
Der Begriff "Albinismus" sollte dagegen enger verwendet werden. Bei Pflanzen bezeichnet Albinismus einen teilweisen oder vollständigen Verlust des Chlorophylls beziehungsweise eine schwere Störung der Chloroplasten. Dadurch ist die Photosynthese eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich.
Eine vollständig chlorophyllfreie, normalerweise autotrophe Orchidee wäre deshalb nicht dauerhaft lebensfähig. Sie könnte aus eigener Photosynthese keine ausreichende Energie gewinnen.
Hier gibt es bei Orchideen allerdings eine Besonderheit: Einige Arten leben von Natur aus zumindest weitgehend ohne Photosynthese. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der "Blattlose Widerbart" (Epipogium aphyllum). Er besitzt kein normales grünes Blattwerk und ist vollständig auf seine unterirdische Pilzsymbiose angewiesen. Eine solche natürliche Chlorophyllfreiheit darf deshalb nicht mit einer zufälligen albinotischen Farbabweichung einer normalerweise grünen Orchidee gleichgesetzt werden.
Auch bei Orchideen mit weißen Blüten sollte daher zunächst geprüft werden, ob tatsächlich Chlorophyll fehlt oder lediglich die Blütenpigmente reduziert sind.

Chloranthie – wenn die Blüte grün wird
Eine weitere ungewöhnliche Erscheinung ist die "Chloranthie", auch "Viridiflorie" genannt. Dabei enthalten Blütenteile ungewöhnlich viel Chlorophyll und erscheinen deshalb grün oder grünlich.
Das kann einzelne Blütenteile betreffen oder die gesamte Blüte. Chloranthie kann außerdem gemeinsam mit einer verminderten Bildung anderer Blütenpigmente auftreten. Eine ehemals rote, rosa oder purpurfarbene Blüte kann dadurch beispielsweise grünlich-weiß erscheinen.
Gerade bei Orchideen entstehen dadurch manchmal sehr ungewöhnliche Farbkombinationen, die auf den ersten Blick wie eine völlig andere Blütenfarbe wirken.

Wie entstehen solche Farbabweichungen?
Die Ursachen sind vielfältig. Häufig liegen "genetische Veränderungen oder Störungen in den Stoffwechselwegen der Pigmentbildung" zugrunde. Die Ausbildung von Blütenfarben ist ein komplexer Prozess, an dem zahlreiche Gene und verschiedene Pigmentgruppen beteiligt sind. Bei Orchideen spielen insbesondere Anthocyane, Carotinoide und Chlorophyll eine Rolle.
Eine Farbabweichung kann deshalb beispielsweise entstehen durch genetische Mutationen, Veränderungen in der Bildung oder Einlagerung von Anthocyanen, Veränderungen im Carotinoid-Stoffwechsel, Störungen der Chlorophyllbildung, Veränderungen in der Regulation der Pigmentgene, teilweise auch durch Umweltbedingungen während der Entwicklung der Blüte.
Nicht jede ungewöhnliche Färbung muss daher erblich sein. Umgekehrt können genetisch bedingte Farbformen über längere Zeit an einem Standort auftreten und sich dort wiederholen.

Warum sind solche Pflanzen meist selten?
Hypochrome oder chloranthe Formen treten meistens nur als einzelne Pflanzen innerhalb einer Population auf. Manchmal findet man jedoch mehrere auffällig gefärbte Exemplare am selben Standort.
Das kann verschiedene Ursachen haben. Eine genetische Veränderung kann beispielsweise nur eine einzelne Pflanze betreffen. Bei vegetativer Vermehrung oder wenn eine genetische Variante innerhalb einer Population weitergegeben wird, können dagegen mehrere Pflanzen mit ähnlicher Färbung entstehen.
Auch innerhalb einer einzigen Art kann die Ausprägung sehr unterschiedlich sein. Manche Pflanzen verlieren nur einen Teil ihrer roten oder violetten Farbe, während bei anderen nahezu sämtliche Farbpigmente verschwinden.
Die Übergänge zwischen normal gefärbten, leicht hypochromen und nahezu vollständig entfärbten Pflanzen sind daher häufig fließend.

Bedeutung für die Bestäubung
Die Blütenfarbe kann bei Orchideen eine wichtige Rolle bei der Kommunikation mit Bestäubern spielen. Orchideenblüten besitzen oft komplexe Farbmuster, die gemeinsam mit Form, Duft und anderen Merkmalen als optische Signale dienen.
Eine stark veränderte Blütenfarbe könnte deshalb grundsätzlich die Wahrnehmung durch Bestäuber beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass hypochrome Pflanzen automatisch unbestäubt bleiben.
Viele dieser Pflanzen werden durchaus erfolgreich bestäubt und können anschließend Früchte und Samen bilden. Ob eine Farbabweichung tatsächlich einen Nachteil darstellt, hängt stark von der jeweiligen Orchideenart und ihrem Bestäubungssystem ab.

Keine eigenen Arten oder Unterarten
Hypochrome, chloranthe oder ungewöhnlich gefärbte Pflanzen stellen in der Regel "keine eigenen Arten oder Unterarten" dar. Sie sind Farbvarianten beziehungsweise Entwicklungs- oder Pigmentanomalien innerhalb einer Art.
Auch wenn eine solche Pflanze äußerlich sehr stark von der Normalform abweicht, bleiben die übrigen morphologischen Merkmale der Art erhalten.
Das macht diese Erscheinungen botanisch besonders interessant: Die Farbveränderung zeigt, wie stark sich ein einzelnes Merkmal verändern kann, während die übrige Gestalt der Pflanze weitgehend unverändert bleibt.
Für Orchideenfreunde sind solche Pflanzen natürlich besonders reizvoll. Eine vollständig weiße Orchis, eine grünlich-weiße Anacamptis oder ein gelblich aufgehellter Frauenschuh kann innerhalb einer Population zu einem außergewöhnlichen Fund werden. Manche auffälligen Exemplare werden deshalb über viele Jahre beobachtet und fotografisch dokumentiert.

Beispiele aus der europäischen Orchideenwelt
Die Beispiele in der Fotostrecke zeigen, wie unterschiedlich reduzierte oder veränderte Blütenpigmentierung aussehen kann. Bei den meisten handelt es sich "nicht um echten Albinismus im botanischen Sinn", sondern um hypochrome oder teilweise chloranthe Ausprägungen.

- Anacamptis coriophora
Grünlich-weiße Blüten ohne den normalerweise vorhandenen Rot- bzw. Purpuranteil.

- Anacamptis fragrans
Grünlich-weiße Blüten, bei denen der normalerweise vorhandene rötliche bis purpurfarbene Anteil vollständig fehlt.

- Anacamptis longicornu
Grünlich-weiße Blüten ohne den charakteristischen Rotanteil.

- Anacamptis morio
Grünlich-weiße Blüten ohne den normalerweise kräftigen purpurfarbenen bis violetten Farbanteil.

- Anacamptis papilionacea
Stark aufgehellte Blüten mit überwiegend Weiß und Grün; an Sepalen und Petalen ist nur noch ein zartes Rosa erhalten.

- Anacamptis pyramidalis
Grünlich-weiße Blüten ohne den normalerweise rosa bis purpurfarbenen Blütenstand.

- Cephalanthera rubra
Deutlich aufgehellte, nur zart rosa gefärbte Blüten. Hier ist die normale Blütenfarbe lediglich stark reduziert.

- Corallorhiza trifida
Grünlich-gelbe Blüten ohne den normalerweise vorhandenen rötlichen Farbanteil.

- Cypripedium calceolus – "lusus viriflorum"
"viriflorum" bedeutet wörtlich etwa "grünblühend". Die normalerweise gelbe Blütenfarbe des Frauenschuhs ist dabei zumindest teilweise durch "grüne" Färbung ersetzt. Je nach Ausprägung können Blütenblätter und/oder der Schuh deutlich grünlich erscheinen.

- Cypripedium calceolus – "lusus flavum" -  "Goldschuh"
"flavum* bedeutet" "gelb". Beim Frauenschuh ist Gelb zwar die normale Grundfarbe des Schuhs, bei einem "lusus flavum" wird die übliche Färbung der übrigen Blütenorgane verändert bzw. vereinheitlicht, sodass die Blüte "ungewöhnlich stark gelb" erscheint.

- Dactylorhiza viridis
Grünlich-gelbe Blüten ohne den sonst vorhandenen rötlichen Farbanteil.

- Epipactis palustris
Sehr stark aufgehellte Blüten in Weiß und Gelb. Im oberen Bereich der Lippe ist das normalerweise vorhandene Rosa noch zart erkennbar.

- Epipogium aphyllum
Gelblich-weiße Blüten ohne den normalerweise vorhandenen rötlichen Farbanteil. Die Art selbst ist allerdings keine albinotische Variante: Der Blattlose Widerbart besitzt von Natur aus kein funktionierendes grünes Blattwerk und lebt mykoheterotroph.

- Gymnadenia conopsea
Weiße Blüten ohne den normalerweise rosa bis purpurfarbenen Farbanteil.

- Gymnadenia odoratissima
Weiße Blüten ohne den normalerweise vorhandenen rötlichen bis purpurfarbenen Farbanteil.

- Neotinea tridentata
Weiße Blüten ohne die normalerweise vorhandenen rosa- bis purpurfarbenen Pigmente.

- Nigritella rhellicani
Stark aufgehellte, weißlich-gelbe Blüten, bei denen jedoch noch Rottöne vorhanden sind. Damit handelt es sich um eine teilweise und nicht um eine vollständige Reduktion der Blütenpigmente.

- Ophrys garganica
Gelblich-weiße Blüten ohne den normalerweise vorhandenen rötlich-braunen Farbanteil.

- Ophrys holoserica
Gelblich-weiße Blüten, bei denen in der Zeichnung des Labellums noch eine kleine braune Farbpartie erhalten geblieben ist.

- Ophrys speculum
Gelblich-weiße Blüten ohne den normalerweise auffälligen dunklen bis blau-violetten Farbanteil des Spiegels.

- Ophrys tenthredinifera
Gelblich-weiße Blüten ohne den normalerweise deutlich rötlich gefärbten Anteil.

- Orchis anthropophora
Grünlich-gelbe Blüten ohne den normalerweise vorhandenen rötlich-braunen Farbanteil.

- Orchis mascula
Weiße Blüten ohne den normalerweise rosa bis purpurfarbenen Farbanteil.

- Orchis militaris
Weiße Blüten ohne die normalerweise rosa bis purpurfarbene Färbung.

- Orchis simia
Weiße Blüten ohne den normalerweise rosa bis purpurfarbenen Farbanteil.

- Orchis purpurea
Weiße Blüten, bei denen die normalerweise purpurfarbene Zeichnung weitgehend verschwunden ist. Die hellbraunen Adern an Sepalen und Petalen sind jedoch noch erkennbar.

- Serapias lingua
Grünlich-gelbe Blüten ohne den normalerweise vorhandenen rötlichen Farbanteil.

Ein faszinierendes Detail der Orchideenwelt
Gerade weil die meisten dieser Pflanzen nicht als eigene taxonomische Einheiten betrachtet werden, sind sie für Orchideenfreunde dennoch von besonderem Wert. Sie zeigen unmittelbar, wie variabel die Blütenfarbe innerhalb einer Art sein kann.
Besonders interessant sind dabei Pflanzen, bei denen die Pigmentierung "nicht vollständig verschwindet", sondern in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich stark reduziert ist. Eine einzelne Blüte kann dadurch gleichzeitig weiße, gelbe, grüne und noch schwach rosa, rote oder braune Partien besitzen.
Solche Pflanzen sind gewissermaßen ein Blick auf die "Werkstatt" der Blütenfarbe: Man erkennt, welche Pigmente reduziert wurden und welche Farbmuster noch erhalten geblieben sind.
Für Fotografen und Botaniker sind diese seltenen Erscheinungen deshalb weit mehr als eine bloße Kuriosität. Sie dokumentieren die enorme Variationsbreite der europäischen Orchideen und machen sichtbar, dass zwischen der typischen Blütenfarbe einer Art und ihrem völligen Verlust zahlreiche Zwischenstufen existieren.

Fotostrecke