Orchis spitzelii
Eine besonders seltene und geheimnisvolle Orchidee ist das Spitzels Knabenkraut, Orchis spitzelii. Sie ist keine gewöhnliche Orchidee, die man am Wegesrand findet. In Deutschland gilt sie als ausgestorben, in Österreich und der Schweiz als eine der größten botanischen Kostbarkeiten, oft beschränkt auf wenige, streng geheime Standorte. Diese Art ist eine botanische Besonderheit und Rarität der Alpenregion und zieht aufgrund ihrer Seltenheit sowie ihres ungewöhnlichen Erscheinungsbildes die Aufmerksamkeit von Botanikern, Fotografen und Naturschützern gleichermaßen auf sich.
Die Art wurde im 19. Jahrhundert beschrieben und nach dem österreichischen Botaniker Anton Spitzel benannt, der maßgeblich zur Erforschung der Alpenflora beitrug.
Wissenschaftlich gesehen ist Orchis spitzelii ein disjunkt verbreitetes Florenelement. Das bedeutet, sie kommt nicht in einem zusammenhängenden Gebiet vor, sondern poppt an weit voneinander entfernten Orten auf, wie kleine biologische Inseln. Ihr Areal reicht vom Iran über Nordafrika und den Mittelmeerraum bis hinauf zur schwedischen Insel Gotland. Die Vorkommen auf Gotland sind allerdings nicht ursprünglich und wachsen kurioserweise direkt auf Meereshöhe, während sie in den Alpen hohe Lagen bis 2.000 m bevorzugt.


In Österreich ist die Pflanze extrem selten und gilt als die seltenste heimische "Orchis-Art". Aktuell ist nur noch ein einziger Standort im Land Salzburg mit nur wenigen Individuen bekannt.
In der Schweiz wurde die Art erst 1988 im Wallis entdeckt. Es ist das einzige bekannte Vorkommen des Landes.
Das Spitzel-Knabenkraut ist eine hochspezialisierte Art. Sie ist eine Nektar-Täuschblume, das bedeutet: sie bietet den Bestäubern (meist Hummeln oder Wildbienen) keinen Nektar an, sondern lockt sie nur durch ihre Farbe und Form an. Wenn die Bestäubung ausbleibt oder das Mikroklima nicht exakt stimmt, produziert die Pflanze kaum Samen. Zudem ist sie extrem empfindlich gegenüber Veränderungen ihres Lebensraums. Bleibt die Beweidung oder Mahd aus, wird sie von Sträuchern verdrängt und da ihre Standorte ohnehin oft sehr klein sind, kann schon ein unvorsichtiger Tritt den Boden so stark verdichten, dass die empfindlichen Wurzelknollen absterben. Durch die weiten Distanzen zwischen den Populationen findet kaum genetischer Austausch statt, was die Art anfällig für Krankheiten macht.
Das Spitzel-Knabenkraut ist ein Symbol für die Zerbrechlichkeit unserer alpinen Biodiversität. Diese kleine Orchidee zeigt, wie komplex natürliche Ökosysteme sind und wie stark seltene Arten von stabilen Lebensräumen abhängen. Sie zu schützen bedeutet, ganze Ökosysteme zu bewahren.


















