Calypso bulbosa
Die Norne (Calypso bulbosa) gehört zu den ungewöhnlichsten Orchideen der nördlichen Hemisphäre. Ihre zierliche Gestalt mit nur einem einzigen Blatt steht in starkem Gegensatz zu der auffälligen, großen Blüte. Diese besitzt eine schuhförmige Lippe, die von purpurrosa bis violett gefärbten Blütenblättern und Kelchblättern umgeben ist.
Trotz ihrer auffälligen Erscheinung ist die Norne eine ausgesprochen unauffällige Waldorchidee. Sie wächst meist einzeln oder in kleinen Gruppen auf dem moosigen Waldboden kühler Nadel- und Mischwälder und ist eng an die besonderen Bedingungen ihres Lebensraumes gebunden.
Die Art besitzt außerdem eine bemerkenswerte Bestäubungsstrategie: Ihre Blüten bieten keinen Nektar, locken aber dennoch Hummeln an. Die Norne gehört damit zu den Orchideen, die ihre Bestäuber durch das Aussehen der Blüte täuschen.
Calypso bulbosa ist die einzige Art der Gattung "Calypso". Die Gattung gehört zur Familie der Orchideen (Orchidaceae) und wird innerhalb der Unterfamilie Epidendroideae in die Tribus Calypsoeae gestellt. Ihr nächster Verwandtschaftskreis umfasst somit nicht die Frauenschuhe der Gattung "Cypripedium", obwohl die Blüten beider Gattungen auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit besitzen.
Der wissenschaftliche Gattungsname "Calypso" geht auf die griechische Nymphe Kalypso zurück. Er bezieht sich auf die abgeschiedenen, versteckten Lebensräume der Pflanze. Das Artepitheton "bulbosa" bedeutet "knollig" beziehungsweise "zwiebelartig" und nimmt Bezug auf das unterirdische Speicherorgan.
Der deutsche Name "Norne" ist insbesondere im skandinavischen Sprachraum eng mit der Art verbunden. In Schweden wird Calypso bulbosa offiziell als "Norna" bezeichnet. Auch im Deutschen ist "Norne" der passende und in der Orchideenliteratur gebräuchliche Name. Daneben finden sich gelegentlich Bezeichnungen wie "Elfenschuh", die auf englische Namen wie "Fairy Slipper" zurückgehen.


Die Norne ist eine ausdauernde, krautige "Geophytin" (eine Orchidee, die in der Erde wurzelt). Ihr Überdauerungsorgan ist ein kleiner, unterirdischer ein knollenartig verdickter Spross. Von diesem gehen die Wurzeln und der oberirdische Spross aus.
Besonders charakteristisch ist das einzige grundständige Blatt. Es ist lang gestielt, breit elliptisch bis eiförmig und liegt mehr oder weniger auf dem Waldboden auf. Die Oberseite ist dunkelgrün, während die Unterseite häufig rötlich bis purpurfarben überlaufen ist.
Der Blütenstängel ist dagegen schlank und erreicht meist etwa 10 bis 20 Zentimeter Höhe. An seiner Spitze steht gewöhnlich nur eine einzige Blüte. Selten können zwei Blüten vorkommen.
Das Blatt erscheint bereits im Herbst und kann den Winter über grün bleiben. Erst im darauffolgenden Frühjahr entwickelt sich die Blüte. Nach der Blütezeit beginnt das Blatt wieder einzuziehen. Damit besitzt die Norne einen für eine Orchidee ungewöhnlichen jahreszeitlichen Rhythmus: Ein Teil ihres oberirdischen Lebens findet bereits statt, bevor der eigentliche Winter beginnt.
Die Blüte ist für die geringe Größe der Pflanze erstaunlich groß. Sie erreicht etwa zwei bis drei Zentimeter und sitzt leicht nickend am Ende des Blütenstängels. In Schweden wird sie als stark charakteristische Blüte mit rosa Kelch- und Kronblättern und einer weißen, violettbraun gezeichneten Lippe beschrieben.
Die drei Kelchblätter und die beiden seitlichen Kronblätter sind meist rosa bis purpurfarben und schmal lanzettlich. Besonders auffällig ist jedoch das "Labellum".
Es ist zu einer großen, sack- beziehungsweise schuhförmigen Struktur umgebildet und überwiegend weißlich bis rosa gefärbt. Die Innenseite trägt dunkle purpurrote bis violette Zeichnungen sowie auffällige gelbliche Haare. Am hinteren Bereich befinden sich zwei kleine hornartige Ausstülpungen.
Die Blütenform erinnert dadurch tatsächlich an einen kleinen Schuh. Mit einem Frauenschuh der Gattung "Cypripedium" kann die Norne jedoch nicht verwechselt werden. Die Ähnlichkeit beruht lediglich auf der vergleichbaren Ausbildung einer auffälligen, sackförmigen Lippe.
Das Verbreitungsgebiet von Calypso bulbosa ist außergewöhnlich groß und reicht circumpolar über die subarktische und gemäßigte nördliche Hemisphäre.
In Europa kommt die Art vor allem in Schweden, Finnland und Russland vor. Die Nominatform Calypso bulbosa var. bulbosa besitzt ein Areal von Schweden über das nördliche und östliche Russland bis nach Korea und in den Fernen Osten.
In Asien reicht das Verbreitungsgebiet unter anderem nach Sibirien, in die Mongolei, nach China, Korea und Japan. In Nordamerika kommt die Art von Alaska und Kanada bis in die nördlichen und westlichen Vereinigten Staaten vor.
Damit gehört die Norne zu den wenigen Orchideen, deren Areal große Teile der borealen Zone rund um den gesamten Erdball umfasst.
Typische Standorte sind kühle, moosreiche Nadelwälder und Mischwälder. Die Pflanzen wachsen häufig auf dem von Moosen, Nadeln und anderem organischen Material bedeckten Waldboden.
In Schweden wird die Norne vor allem aus etwas feuchten, moosreichen und krautreichen Nadelwäldern auf kalkreichen Böden angegeben. Sie kommt dort insbesondere in den nördlichen Landesteilen vor und ist gegenüber Kahlschlägen ausgesprochen empfindlich.
Entscheidend ist jedoch nicht allein die Baumart. Die Norne ist Bestandteil eines komplexen Waldökosystems, in dem auch die Struktur des Bodens, die Feuchtigkeit, die Beschattung und vor allem die vorhandenen Pilzgemeinschaften eine Rolle spielen.
Untersuchungen zur Waldökologie der Art zeigen, dass Calypso bulbosa verschiedene Mykorrhizapilze nutzen kann und dass größere Bäume und eine intakte Waldstruktur für die Ausbildung entsprechender Pilzgemeinschaften von Bedeutung sind.
Wie bei allen Orchideen sind auch die Samen der Norne extrem klein und besitzen praktisch keine eigenen Nährstoffreserven. Für die Keimung benötigen sie deshalb eine Verbindung mit geeigneten "Mykorrhizapilzen".
Doch diese Beziehung ist bei Calypso bulbosa nicht nur für die Keimung wichtig. Auch die ausgewachsene Pflanze bleibt eng mit ihren Pilzpartnern verbunden. Die Pilze besiedeln die Wurzeln, und die Orchidee kann einen Teil der von den Pilzen bereitgestellten organischen Stoffe nutzen. In den Wurzeln werden die Pilzhyphen teilweise von spezialisierten Pflanzenzellen aufgenommen und verdaut.
Gleichzeitig besitzt die Norne ein grünes Blatt und betreibt Photosynthese. Sie ist daher nicht vollständig von Pilzen abhängig, sondern wird als "mixotroph" beziehungsweise teilweise "mykoheterotroph" beschrieben.


Besonders faszinierend ist die Bestäubungsbiologie der Norne.
Die Blüten sind "nektarlos". Trotzdem werden sie von Hummeln besucht. Die Orchidee nutzt dabei eine sogenannte "Nahrungstäuschung". Ihre Blüte vermittelt dem Bestäuber den Eindruck einer möglichen Nahrungsquelle, obwohl tatsächlich keine Belohnung vorhanden ist.
Untersuchungen in Nordschweden haben gezeigt, dass verschiedene Hummelarten die Blüten besuchen. Besonders interessant ist das Verhalten der Hummelköniginnen im Frühjahr. Bei Untersuchungen an blühenden Weiden trugen etwa sieben Prozent der dort beobachteten Hummelköniginnen bereits Pollinien der Norne. Die Hummeln besuchten gewöhnlich nur ein bis drei Nornenblüten, bevor sie weiterflogen.
Das ist für die Orchidee durchaus vorteilhaft. Da ein Bestäuber nicht viele Blüten derselben Art hintereinander besucht, wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Pollinien zu einer anderen Pflanze gelangen. Die Nahrungstäuschung unterstützt damit indirekt die Fremdbestäubung.
Gleichzeitig kann das Vorkommen anderer Pflanzen die Bestäubung beeinflussen. Früh blühende, nektarführende Weiden können Hummeln überhaupt erst in einen geeigneten Lebensraum locken. Später blühende Pflanzen wie Heidelbeeren können ebenfalls als Nahrungsquelle dienen. In unmittelbarer Nähe der Nornenblüten kann dagegen eine geringe Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Hummeln günstig sein.
Die Norne nutzt damit nicht nur das Verhalten ihrer Bestäuber, sondern indirekt auch die Zusammensetzung ihrer Pflanzengemeinschaft.
Die Blütezeit hängt stark vom geografischen Standort ab. In den nördlichen Regionen Europas liegt sie überwiegend im Mai und Juni. In anderen Teilen des riesigen Verbreitungsgebietes kann die Blüte bereits deutlich früher beginnen und sich bis in den Sommer hinein erstrecken.
Gerade in den borealen Regionen muss die Pflanze den kurzen Zeitraum zwischen Schneeschmelze und dem Einsetzen der sommerlichen Vegetationsperiode optimal nutzen.
Die einzelne Blüte steht dabei gut sichtbar über dem Waldboden, während das einzige Blatt flach darunter liegt. Für eine so kleine Pflanze besitzt die Norne damit eine erstaunlich wirkungsvolle Kombination aus Blütengröße, Farbe und Duft.
Die Norne ist keine häufige Orchidee und reagiert empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraumes. Besonders problematisch sind Kahlschläge, Veränderungen der Waldstruktur, Eingriffe in den Waldboden und die Zerstörung der für die Pflanze notwendigen Pilzgemeinschaften.
Gerade bei einer Orchidee mit einer so engen Bindung an Boden und Pilze ist der Schutz des gesamten Lebensraumes wesentlich wichtiger als der Schutz einzelner Pflanzen.
Die Norne gehört zu jenen Orchideen, bei denen ein Fund in freier Natur etwas Besonderes ist. Ihre geringe Größe, die versteckte Lebensweise und die meist sehr begrenzten Populationen machen sie zu einer Pflanze, die man eher zufällig als gezielt entdecken kann.















