Lusus bei Orchideen

- wenn die Natur mit den Blüten spielt

Wer sich über viele Jahre mit wild wachsenden Orchideen beschäftigt, wird früher oder später auf Pflanzen stoßen, die deutlich vom gewohnten Erscheinungsbild abweichen. Plötzlich besitzt eine Blüte zwei Lippen, Petalen oder Sepalen nehmen die Gestalt einer Lippe an oder die gesamte Blüte wirkt ungewöhnlich symmetrisch. Solche außergewöhnlichen Entwicklungsformen werden traditionell als "Lusus" (Plural: "Lusūs") bezeichnet.
Das lateinische "lusus naturae" bedeutet "Spiel der Natur" oder "Laune der Natur". Gemeint sind ungewöhnliche Entwicklungsabweichungen, die während der Bildung der Blüte entstehen und zu Veränderungen der normalen Blütenmorphologie führen. Ein Lusus ist weder eine eigene Art noch eine Unterart oder Hybride, sondern eine abweichende Ausprägung innerhalb einer ansonsten eindeutig bestimmbaren Pflanze.

Wie entstehen Lusus?
Die Ausbildung einer Orchideenblüte wird durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Gene gesteuert. Während der Entwicklung wird festgelegt, welche Blütenorgane sich zu Sepalen, Petalen, Staubblättern oder zur charakteristischen Lippe entwickeln.
Kommt es während dieser Entwicklung zu einer Veränderung der Genregulation oder zu einer anderen Entwicklungsstörung, können einzelne Blütenorgane Merkmale eines anderen Organs annehmen. Eine solche Umwandlung wird als "Homöosis" bezeichnet. Ein Petal kann beispielsweise teilweise oder vollständig die Gestalt einer Lippe annehmen.
Die genauen Ursachen solcher Erscheinungen sind nicht in jedem Einzelfall bekannt. Infrage kommen genetische Veränderungen, Entwicklungsstörungen und Veränderungen in der Regulation der an der Blütenentwicklung beteiligten Gene. Ob eine solche Abweichung vererbbar ist, hängt von ihrer jeweiligen Ursache ab.

Häufige Formen von Lusus

Doppelte Lippe
Eine besonders auffällige Form ist die Ausbildung einer zweiten Lippe. Dabei kann eines der beiden seitlichen Petalen teilweise oder vollständig Lippenmerkmale entwickeln. Je nach Ausprägung entsteht eine Blüte mit zwei deutlich erkennbaren Lippen, die nahezu spiegelbildlich zueinander angeordnet sein können.
Solche Doppellippen wurden bei zahlreichen europäischen Orchideen beobachtet, unter anderem bei "Ophrys", "Anacamptis", "Orchis", "Serapias" und auch bei "Epipactis palustris". Die zusätzliche Lippe kann der normalen Lippe sehr ähnlich sein, manchmal unterscheiden sich beide jedoch deutlich in Form, Zeichnung oder Größe.

Lippenartige Sepalen oder Petalen
Noch ungewöhnlicher sind Blüten, bei denen mehrere Sepalen oder Petalen teilweise oder vollständig die Gestalt einer Lippe annehmen. Dadurch kann eine Blüte entstehen, bei der mehrere Blütenblätter wie Lippen aussehen.
Solche Veränderungen können die gesamte Blütenarchitektur erheblich verändern und manchmal sogar die Bestimmung einer Pflanze erschweren. Gerade bei Orchideen ist die Lippe ein wichtiges Bestimmungsmerkmal, sodass ihre ungewöhnliche Ausbildung schnell zu einer scheinbar völlig fremden Blütenform führen kann.

Pelorische Blüten
Eine besondere Form der Entwicklungsabweichung ist die "Pelorie". Orchideenblüten sind normalerweise zygomorph, besitzen also eine ausgeprägte Ober- und Unterseite und sind nur entlang einer Ebene symmetrisch. Bei einer pelorischen Blüte wird diese typische Zweiseitigkeit teilweise oder weitgehend aufgehoben; die Blüte entwickelt sich in Richtung einer "radiären Symmetrie".
Bei Orchideen können dabei mehrere Petalen lippenähnliche Merkmale entwickeln. Besonders eindrucksvoll sind solche Formen bei kultivierten "Phalaenopsis", sie kommen aber auch bei europäischen Wildorchideen vor.
Nicht jede Doppellippe ist allerdings automatisch eine Pelorie. Eine einzelne zusätzliche oder umgebildete Lippe stellt zunächst eine andere Form der Entwicklungsabweichung dar. Von einer Pelorie spricht man vor allem dann, wenn sich die Symmetrie der gesamten Blüte deutlich verändert.

Verwachsene oder überzählige Blütenorgane
Gelegentlich wachsen Blütenorgane miteinander zusammen oder es entstehen zusätzliche Sepalen, Petalen oder andere Blütenorgane. Auch solche ungewöhnlichen Ausbildungen können als Lusus bezeichnet werden.

Auswirkungen auf die Bestäubung
Viele Orchideen sind auf hoch spezialisierte Bestäuber angewiesen. Form, Farbe und Zeichnung der Blüte spielen dabei eine wichtige Rolle.
Verändert ein Lusus diese Merkmale deutlich, kann dies die Bestäubung erschweren oder verhindern. Besonders bei den Ragwurzen (Ophrys), deren Blüten häufig sehr spezifische Bestäuber anlocken und teilweise durch ihre Form, Behaarung, Färbung und Duftstoffe das Aussehen weiblicher Insekten nachahmen, kann eine deutliche Veränderung der Lippe die Funktion der Blüte beeinflussen.
Nicht jede Abweichung verhindert jedoch die Bestäubung. Manche Lususblüten werden trotzdem von Bestäubern besucht und können durchaus Samen hervorbringen.

Sind Lusus vererbbar?
Die meisten auffälligen Lususformen werden bei einzelnen Pflanzen beobachtet und treten nicht zwangsläufig bei deren Nachkommen wieder auf. Eine solche Entwicklungsabweichung muss daher nicht vererbbar sein.
Es gibt allerdings auch Fälle, in denen eine ungewöhnliche Blütenform über längere Zeit innerhalb einer Population beobachtet wird. Dann ist es durchaus denkbar, dass eine genetische Komponente beteiligt ist. Ein regelmäßiges Auftreten allein beweist jedoch noch keine genetische Fixierung.

Ein besonders interessantes Beispiel findet sich im französischen "Vercors" bei "Ophrys holoserica subsp. demangei". Zwischen den vielen normal ausgebildeten Pflanzen findet sich dort alljährlich ein kleines Grüppchen mit auffälligen Blüten, bei denen die seitlichen Petalen stark verändert und teilweise lippenartig ausgebildet sind. Die ungewöhnliche Form erinnert an den Kopf der bekannten Comicfigur und wird unter Orchideenfreunden deshalb scherzhaft als "Mickey-Mäuse" bezeichnet.
Dass diese auffälligen Pflanzen an diesem Standort regelmäßig und in einer kleinen Gruppe auftreten, ist bemerkenswert. Ob dahinter tatsächlich eine genetisch bedingte Besonderheit steckt oder andere entwicklungsbiologische Faktoren eine Rolle spielen, lässt sich allein aus der Beobachtung jedoch nicht sicher ableiten.

Keine neue Art
Für Botaniker besitzen Lusus vor allem wissenschaftlichen Wert, weil sie Einblicke in die Entwicklung und genetische Steuerung der Blütenorgane ermöglichen.
Im Gelände sorgen solche Pflanzen häufig für Überraschung und werden nicht selten zunächst für Hybriden oder sogar für eine unbekannte Art gehalten. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch meist, dass die übrigen Merkmale – Blätter, Wuchsform, Blütenstand und Standort – eindeutig der betreffenden Art entsprechen. Lediglich einzelne Blütenorgane weichen von der normalen Ausbildung ab.
Gerade deshalb gehören Lusus zu den faszinierendsten Entdeckungen für Orchideenfreunde. Sie zeigen eindrucksvoll, wie variabel die Entwicklung einer Blüte sein kann und dass selbst eine hochspezialisierte Orchideenblüte gelegentlich von ihrem normalerweise streng festgelegten Bauplan abweicht.

Beispiele aus der europäischen Orchideenwelt

- Epipactis palustris – Doppellippe
Bei einer von uns beobachteten Epipactis palustris ist eine zweite, deutlich erkennbare Lippe ausgebildet. Die Blüte weicht dadurch erheblich von der normalen Gestalt einer Sumpf-Stendelwurz ab.

- Ophrys holoserica – stark veränderte Sepalen
Bei einer außergewöhnlichen Blüte von Ophrys holoserica sind die beiden seitlichen Sepalen stark vergrößert und entwickeln eine auffällige Zeichnung, die an die Lippe erinnert. Die normale Blütenarchitektur wird dadurch stark verändert.

- Ophrys insectifera – verdoppelter Lippenbereich
Bei einer Lususform von Ophrys insectifera ist der untere Bereich der Lippe verdoppelt. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche, deutlich von der normalen Lippenform abweichende Blüte.

- Ophrys sphegodes – zwei unterschiedlich gezeichnete Lippen
Besonders interessant ist eine Ophrys sphegodes mit Doppellippe. Die beiden Lippen sind dabei nicht vollkommen gleich ausgebildet und unterscheiden sich sogar in ihrer Zeichnung. Das zeigt, dass die Umwandlung eines Blütenorgans in ein anderes nicht zwangsläufig zu zwei völlig identischen Strukturen führt.

- Ophrys alasiatica – Doppellippe
Auch bei Ophrys alasiatica wurde eine Blüte mit Doppellippe beobachtet. Die zusätzliche Lippe verändert das für die Art charakteristische Erscheinungsbild deutlich.

- Ophrys holoserica subsp. demangei – die "Mickey-Mäuse"
Eine besonders kuriose Form findet sich im Vercors bei Ophrys holoserica subsp. demangei. Bei den dort regelmäßig auftretenden Lususformen sind die Petalen zu auffälligen, teilweise lippenähnlichen Strukturen umgebildet. Durch ihre Form erinnern die Blüten an den Kopf von Mickey Mouse. Unter Orchideenfreunden hat sich deshalb der scherzhafte Name "Mickey-Mäuse" eingebürgert.

- Dactylorhiza majalis – Lusus mit spitz ausgezogener Lippe
Bei dieser ungewöhnlichen Form des Breitblättrigen Knabenkrauts ist die Lippe einzelner Blüten deutlich verändert. Während die normale Lippe von Dactylorhiza majalis relativ breit und meist dreilappig ausgebildet ist, erscheint sie hier schmal und ungewöhnlich stark in die Länge gezogen. Besonders der mittlere Lippenbereich läuft auffällig spitz aus. Die übrigen Blütenmerkmale entsprechen weitgehend Dactylorhiza majalis. Es handelt sich daher um eine ungewöhnliche Entwicklungsform innerhalb der Art.

- Epipactis veratrifolia - Doppellippe, interessanterweise war von einigen Blüten einer Pflanze lediglich eine Blüte mit Doppellippe zu beobachten

Solche Pflanzen sind keine Hybriden und stellen auch keine eigene taxonomische Einheit dar. Sie sind vielmehr ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie stark die Gestalt einer Orchideenblüte durch eine Entwicklungsabweichung verändert werden kann.

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