Epipactis veratrifolia
Die "Germerblättrige Ständelwurz" (Epipactis veratrifolia) ist eine ausgesprochen interessante Vertreterin der Gattung "Epipactis". Schon ihr Erscheinungsbild unterscheidet sie deutlich von vielen mitteleuropäischen Ständelwurzen. Sie kann eine stattliche Größe erreichen, besitzt zahlreiche große, kräftige Blätter und entwickelt einen langen, lockeren Blütenstand mit auffallend großen Blüten.
Noch bemerkenswerter als ihr Aussehen ist jedoch ihre Bestäubungsbiologie. Epipactis veratrifolia hat eine ungewöhnliche Strategie entwickelt, um weibliche Schwebfliegen anzulocken. Ihre Blüten verströmen ein Duftgemisch, das chemisch Bestandteilen der Alarmpheromone bestimmter Blattläuse ähnelt. Für die Schwebfliegen ist dieses Signal von großer Bedeutung: Ihre Larven ernähren sich von Blattläusen, weshalb ein solcher Duft auf einen geeigneten Ort für die Eiablage hinweist.
Die Orchidee nutzt dieses Verhalten für ihre Fortpflanzung. Die Schwebfliegenweibchen werden angelockt, suchen die vermeintlichen Blattläuse und legen ihre Eier direkt an beziehungsweise in der Blüte ab. Dabei kommen sie mit den Pollinien in Kontakt und übernehmen deren Transport zur nächsten Blüte.
Damit gehört Epipactis veratrifolia zu den faszinierendsten Beispielen für "chemische Täuschung bei Orchideen".


Epipactis veratrifolia besitzt ein für eine Ständelwurz ungewöhnlich großes Verbreitungsgebiet. Nach heutiger Auffassung reicht das natürliche Areal vom Kaukasus über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Somalia und weiter ostwärts über den Himalaya bis nach Südzentralchina. Zum Verbreitungsgebiet gehören unter anderem die Türkei, Zypern, der Libanon, Syrien, Israel, Jordanien, die Arabische Halbinsel, Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Myanmar und China. Auch Äthiopien und Somalia werden als Vorkommen angegeben.
Damit besiedelt die Art sehr unterschiedliche Landschaften und Klimazonen. Während sie im östlichen Mittelmeerraum an Quellen, Bächen und feuchten Felshängen vorkommen kann, wächst sie im Himalaya und in China auch in höheren Gebirgslagen.
Trotz dieses riesigen Areals ist die Art keineswegs eine typische Pflanze trockener Landschaften. Ihr gemeinsames Merkmal ist vielmehr die lokale Verfügbarkeit von Wasser.
Eine trockene mediterrane Landschaft kann durchaus Lebensraum für Epipactis veratrifolia sein, wenn sich darin eine Quelle, ein Bachlauf, eine wasserführende Felsspalte oder ein dauerhaft feuchter Bereich befindet.
Der deutsche Name "Germerblättrige Ständelwurz" beschreibt bereits eines der auffälligsten Merkmale.
Der zweite Teil des wissenschaftlichen Artnamens (Artepitheton) "veratrifolia" setzt sich aus "Veratrum" (dem Germer) und "folia" (Blätter) zusammen. Gemeint ist also eine Ständelwurz mit "germerähnlichen Blättern". Die Ähnlichkeit bezieht sich vor allem auf die kräftigen, länglichen und deutlich geäderten Blätter.
Als Synonyme sind unter anderem "Epipactis consimilis", "Epipactis somaliensis" und "Epipactis abyssinica" bekannt. Diese unterschiedlichen Namen spiegeln auch die große geografische Verbreitung und die frühere unterschiedliche Bewertung der Populationen wider. Heute wird Epipactis veratrifolia als eigenständige Art anerkannt.
Im Gegensatz zu vielen eher zierlichen Ständelwurzen kann die Germerblättrige Ständelwurz eine beachtliche Größe erreichen.
Die Pflanzen werden meist etwa 30 bis 60 Zentimeter hoch, können unter günstigen Bedingungen aber deutlich größer werden. Angaben reichen bis etwa 120 beziehungsweise selten 150 Zentimeter. In Untersuchungen aus dem östlichen Himalaya wurden blühende Pflanzen mit durchschnittlich etwa 40 bis 60 Zentimetern Höhe beobachtet.
Die Art besitzt ein "kriechendes Rhizom", aus dem mehrere Sprosse hervorgehen können. Deshalb kann sie an geeigneten Standorten auch in größeren Gruppen auftreten.
Der Stängel ist kräftig und dicht beblättert. Die Blätter sitzen direkt am Stängel und umfassen diesen teilweise. Sie sind breit bis schmal lanzettlich, zugespitzt und durch kräftige Längsnerven auffällig strukturiert. Die unteren Blätter sind meist breiter, während die oberen zunehmend schmaler werden.
Gerade diese Kombination aus kräftigem Stängel und zahlreichen großen Blättern macht Epipactis veratrifolia bereits vor der Blüte gut erkennbar.
Der Blütenstand ist langgestreckt und locker aufgebaut. Er kann zahlreiche Blüten tragen, bei größeren Pflanzen sind bis zu etwa 50 Blüten möglich.
Die einzelnen Blüten gehören zu den auffällig großen Blüten innerhalb der Gattung "Epipactis". Die äußeren Blütenblätter sind überwiegend grünlich bis gelblich, können aber an den Rändern und auf der Außenseite deutlich rötlich bis braunrot überlaufen sein.
Je nach Population und Standort können die Blüten deshalb sehr unterschiedlich wirken – von überwiegend grünlich-gelb über olivfarben bis hin zu kräftig braunrot.
Besonders interessant ist wie bei allen Ständelwurzen die Lippe (Labellum), das in zwei deutlich unterschiedliche Bereiche gegliedert ist.
Die Lippe der Blüte besteht aus einem hinteren Bereich, dem "Hypochil", und einem vorderen "Epichil".
Das Hypochil ist bei Epipactis veratrifolia schalen- beziehungsweise kahnförmig. Im Inneren befinden sich auffällige Strukturen, die für die Bestäubungsbiologie eine wichtige Rolle spielen.
Das Epichil ist deutlich ausgeprägt, fleischig und häufig nach vorne beziehungsweise unten gerichtet. Verdickte Stellen, Höcker oder wulstartige Aufwölbungen auf der Lippe gehören zu den charakteristischen Merkmalen der Art.
Besonders interessant ist, dass die Blüte nicht nur über ihren Duft, sondern auch "visuell" Hinweise auf einen möglichen Blattlausbefall vermittelt. Die dunklen Strukturen auf beziehungsweise an der Lippe können dabei wie Blattläuse wirken. Untersuchungen aus dem Himalaya zeigten zudem, dass tatsächlich gelegentlich Blattläuse an den Blütenständen der Orchidee vorkommen können.
Damit kombiniert die Orchidee zwei unterschiedliche Täuschungssignale - Aussehen und Duft.


Eine besonders interessante Eigenschaft von Epipactis veratrifolia zeigt sich auf Zypern.
Dort können Pflanzen derselben Art zu völlig unterschiedlichen Zeiten blühen. An bestimmten tiefer gelegenen, feuchten Standorten beginnt die Blüte bereits im März und reicht in den April hinein. Andere Populationen im Troodos-Gebirge blühen dagegen erst im Juni.
Diese Unterschiede sind offenbar in erster Linie mit den lokalen klimatischen Bedingungen verbunden. Die Art reagiert damit sehr deutlich auf Temperatur und Höhenlage.
Die unterschiedlichen Blühzeiten bedeuten dabei nicht automatisch, dass es sich um verschiedene Taxa handelt. Morphologische Unterschiede zwischen den beiden zyprischen Vegetationsformen konnten nicht überzeugend festgestellt werden. Gerade auf Zypern lässt sich deshalb besonders schön beobachten, wie stark die Umwelt den Lebensrhythmus einer Orchidee beeinflussen kann.
Die "Frühblüher" wachsen in tieferen, klimatisch begünstigten Lagen. Dort herrschen bereits im März Bedingungen, unter denen die Pflanzen ihre Blüten entwickeln können.
Die "Spätblüher" des Troodos-Gebirges befinden sich dagegen in deutlich höheren Lagen. Dort dauert der Winter länger, und die Temperaturen steigen im Frühjahr langsamer an. Die Blüte verschiebt sich entsprechend bis in den Juni.
Dass beide Formen morphologisch kaum unterscheidbar sind, zeigt sehr schön, dass Blühzeitpunkt und Erscheinungsbild zwei unterschiedliche Ebenen der Anpassung darstellen können. Die Pflanzen können äußerlich nahezu identisch sein und dennoch aufgrund ihres Lebensraumes um mehrere Monate zeitversetzt blühen.
Die hier gezeigten Pflanzen stammen aus dem "frühblühenden Formenkreis auf Zypern".








