Zypern - geteilte Insel
Zypern ist ein Land mit zwei Gesichtern. Wer die Insel heute bereist, erlebt mediterrane Landschaften, antike Stätten, orthodoxe Klöster, Minarette und lebhafte Ferienorte. Gleichzeitig stößt man immer wieder auf eine politische Realität, die seit mehr als fünf Jahrzehnten zum Alltag der Insel gehört: Zypern ist geteilt.
Die Trennlinie verläuft mitten durch die Insel und auch durch die Hauptstadt Nikosia. Zwischen dem Süden und dem Norden liegt eine von den Vereinten Nationen überwachte Pufferzone. Verlassene Gebäude, Stacheldraht, Kontrollposten und UN-Fahrzeuge erinnern daran, dass der Konflikt zwar weitgehend eingefroren ist, aber bis heute nicht gelöst wurde.

Die Ausgangslage – zwei Gemeinschaften auf einer Insel
Die Bevölkerung Zyperns bestand historisch überwiegend aus griechischen und türkischen Zyprioten. Daneben lebten kleinere Gruppen anderer Herkunft auf der Insel. Nach Jahrhunderten unter osmanischer Herrschaft kam Zypern 1878 unter britische Verwaltung und wurde 1914 formell britische Kolonie. In den Jahrzehnten vor der Unabhängigkeit verschärften sich die politischen Gegensätze. Ein Teil der griechischen Zyprioten strebte die Enosis, also die Vereinigung Zyperns mit Griechenland, an. Auf türkisch-zypriotischer Seite entwickelte sich dagegen zunehmend die Forderung nach einer politischen Absicherung der eigenen Gemeinschaft und später nach einer Teilung der Insel. Die britische Kolonialherrschaft konnte diesen Konflikt nicht dauerhaft lösen. Nach Verhandlungen zwischen Griechenland, der Türkei, Großbritannien und den beiden zypriotischen Gemeinschaften entstand schließlich ein Kompromiss, der die Grundlage für die Unabhängigkeit bildete.
1960 – die Republik Zypern entsteht
Am 16. August 1960 wurde die Republik Zypern unabhängig. Die neue Verfassung sollte die Interessen der beiden Gemeinschaften ausbalancieren. Präsident wurde der griechisch-zypriotische Erzbischof Makarios III., Vizepräsident der türkisch-zypriotische Politiker Fazıl Küçük. Die Unabhängigkeit war allerdings ein kompliziertes Konstrukt. Griechenland, die Türkei und Großbritannien wurden durch internationale Verträge zu Garantiemächten. Großbritannien behielt außerdem zwei große Militärbasen auf der Insel. Das politische System erwies sich bald als äußerst schwierig. Streitigkeiten über die Verteilung politischer Rechte und die Funktionsweise des Staates führten Ende 1963 zu einer Eskalation der Spannungen. Im Dezember 1963 kam es zu schweren interkommunalen Auseinandersetzungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten. Damit begann bereits vor der eigentlichen Teilung von 1974 eine Entwicklung, die das Zusammenleben der beiden Bevölkerungsgruppen nachhaltig verändern sollte.
1964 – die Vereinten Nationen kommen nach Zypern
Die Gewalt konnte von den zypriotischen Behörden nicht beendet werden. Großbritannien versuchte zunächst, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Die Lage verschlechterte sich jedoch weiter. Am 4. März 1964 beschloss der UN-Sicherheitsrat mit Resolution 186 die Einrichtung der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus – UNFICYP. Ihre ursprüngliche Aufgabe war klar definiert: Sie sollte eine Wiederaufnahme der Kämpfe verhindern, zur Aufrechterhaltung beziehungsweise Wiederherstellung von Recht und Ordnung beitragen und eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen ermöglichen. Damit begann eine der längsten Friedensmissionen der Vereinten Nationen überhaupt. UNFICYP war zunächst keine Truppe zur Kontrolle einer international anerkannten Grenze. Die Soldaten wurden vielmehr dorthin geschickt, wo die Konfliktparteien aufeinandertrafen. Sie patrouillierten, beobachteten die Lage und versuchten, lokale Auseinandersetzungen zu verhindern. Auch Österreich war an der Mission beteiligt. Österreichische Soldaten und Polizeikräfte gehörten bereits zu den frühen UNFICYP-Kontingenten; 1972 stellte Österreich zusätzlich ein eigenes Infanteriebataillon.
1974 – das Jahr, das Zypern endgültig teilte
Die entscheidende Zäsur kam im Sommer 1974. Am 15. Juli 1974 putschte die zyprische Nationalgarde unter Führung griechischer Offiziere gegen Präsident Makarios. Ziel der Kräfte hinter dem Putsch war die Enosis, also die Vereinigung Zyperns mit Griechenland. Fünf Tage später, am 20. Juli 1974, begann die Türkei eine militärische Intervention im Norden der Insel. Die türkische Regierung berief sich dabei auf ihre Rolle als Garantiemacht aus dem Vertrag von 1960. Die Kämpfe führten zu einer raschen Verschiebung der militärischen Kräfte. Türkische Truppen übernahmen die Kontrolle über große Gebiete im Norden, darunter Kyrenia und weite Teile des nördlichen Zyperns. Die Bevölkerung wurde in großem Umfang vertrieben: Griechische Zyprioten flohen oder wurden aus dem Norden vertrieben, türkische Zyprioten bewegten sich in umgekehrter Richtung in die von türkischen beziehungsweise türkisch-zypriotischen Kräften kontrollierten Gebiete. Die Ereignisse des Sommers 1974 machten aus einem interkommunalen Konflikt eine dauerhafte territoriale Teilung der Insel.
Die Waffenstillstandslinie wird zur Grenze
Am 16. August 1974 um 18 Uhr trat ein Waffenstillstand in Kraft. UNFICYP kontrollierte unmittelbar danach die Stellungen der Konfliktparteien und dokumentierte deren militärische Positionen. Aus diesen Linien entwickelte sich die heutige Trennlinie zwischen dem von der Republik Zypern kontrollierten Süden und dem türkisch-zypriotisch kontrollierten Norden. Es handelt sich dabei eigentlich nicht um eine international anerkannte Grenze. Die Vereinten Nationen sprechen von den ceasefire lines, den Waffenstillstandslinien. Dazwischen liegt die UN-Pufferzone, die von UNFICYP überwacht wird. Sie zieht sich heute über mehr als 180 Kilometer durch die Insel und reicht in ihrer Breite von nur wenigen Metern bis zu mehreren Kilometern.
Die Green Line
Die Trennlinie wird häufig als Green Line bezeichnet. Der Name geht auf eine grüne Linie zurück, die 1963 auf einer Karte von Nikosia eingezeichnet wurde, um die damalige Trennung der Konfliktparteien darzustellen. Später wurde die Bezeichnung auch für die wesentlich längere Trennlinie über die gesamte Insel verwendet. Besonders deutlich wird die Teilung in Nikosia. Die historische Altstadt wird von der Pufferzone durchschnitten. Straßen enden an Kontrollpunkten, Häuser stehen teilweise direkt an der Trennlinie, und manche Gebäude sind seit Jahrzehnten verlassen. Heute kann die Pufferzone an verschiedenen Stellen überquert werden. Ein besonders bekannter Übergang befindet sich in der Ledra Street im Zentrum von Nikosia. Er wurde am 3. April 2008 wieder geöffnet und symbolisiert bis heute die vorsichtige Annäherung zwischen beiden Teilen der Stadt.
Die Geisterstadt Varosha
Eine besonders eindrucksvolle Folge der Teilung findet sich in Famagusta. Der südliche Teil der Stadt war vor 1974 eines der bedeutendsten Ferienzentren Zyperns. Besonders das Viertel Varosha entwickelte sich zu einem internationalen Urlaubsziel mit Hotels, Geschäften und langen Sandstränden. Mit den Kämpfen von 1974 flohen die Bewohner. Das Gebiet wurde anschließend abgesperrt und blieb über Jahrzehnte weitgehend verlassen. So entstand eine der ungewöhnlichsten Landschaften der geteilten Insel: eine ehemalige Ferienmetropole, deren Hotels und Wohnhäuser über Jahrzehnte dem Verfall überlassen wurden. Varosha ist damit zu einem sichtbaren Symbol für die Folgen der Teilung geworden.

Geisterstadt Varosha 1980

Geisterstadt Varosha 1980
1983 – die Ausrufung der Türkischen Republik Nordzypern
Am 15. November 1983 erklärte die türkisch-zypriotische Führung die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ). Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Erklärung und betrachtete sie als rechtlich ungültig. Die TRNZ wird bis heute international nur von der Türkei anerkannt. Die Republik Zypern beansprucht dagegen weiterhin die Souveränität über die gesamte Insel. Damit besteht eine besondere politische Situation: Im Süden befindet sich die international anerkannte Republik Zypern, die seit 2004 Mitglied der Europäischen Union ist. Im Norden besteht eine selbstverwaltete türkisch-zypriotische Verwaltung, die international – mit Ausnahme der Türkei – nicht als eigener Staat anerkannt wird. Die EU-Mitgliedschaft gilt formal für die gesamte Insel, allerdings ist das EU-Recht in den Gebieten, in denen die Regierung der Republik Zypern keine effektive Kontrolle ausübt, ausgesetzt.

Flagge der Republik Zypern: Der Süden Zyperns wird von griechischen Zyprern bewohnt, ist international als rechtmäßiger Staat anerkannt und ist Mitglied der Europäischen Union

Flagge der Türkische Republik Nordzypern: Der Norden Zyperns wird von türkischen Zyprern bewohnt und durch türkische Truppen kontrolliert. Dieser Teil wird als eigener Staat nur von der Türkei anerkannt
Was macht die UN heute auf Zypern?
Die Aufgabe von UNFICYP besteht heute vor allem darin, den Status quo zu überwachen und eine erneute Eskalation zu verhindern. UN-Soldaten patrouillieren entlang der Pufferzone, beobachten die militärischen Stellungen beider Seiten und reagieren auf Zwischenfälle. Die Mission trägt dazu bei, dass aus kleineren Konflikten keine neuen militärischen Auseinandersetzungen entstehen. Die Pufferzone ist dabei keineswegs überall menschenleer. Sie führt durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, durch Dörfer und mitten durch Nikosia. Teilweise haben sich innerhalb der Zone sogar besondere Natur- und Lebensräume erhalten. UNFICYP übernimmt darüber hinaus humanitäre Aufgaben und unterstützt Kontakte zwischen den beiden Gemeinschaften. Die Mission arbeitet außerdem daran, Vertrauen aufzubauen und die Bedingungen für eine politische Lösung zu verbessern. Die Dimension dieser Aufgabe wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die UN-Mission bereits seit 1964 besteht. Seit Beginn der Mission haben mehr als 150.000 Menschen unter der UN-Flagge in Zypern gedient; 187 UN-Angehörige verloren dabei ihr Leben.
Österreichische UN-Soldaten in Famagusta
Österreich war bereits seit 1964 an der UN-Mission auf Zypern beteiligt. Zunächst stellte das Bundesheer ein Feldspital, später eine Feldambulanz. 1972 kam ein österreichisches Infanteriebataillon hinzu. Dieses war zunächst im Raum Paphos, ab Dezember 1973 im Distrikt Larnaca eingesetzt. Am 18. Oktober 1977 übernahm das österreichische Bataillon schließlich den Sektor Famagusta im Osten der Insel. Damit begann für Österreich eine fast 24 Jahre dauernde Präsenz im östlichen Teil Zyperns.
Das österreichische Hauptlager im Raum Famagusta trug den Namen Camp Duke Leopold V. Der Name klingt zunächst ungewöhnlich für ein österreichisches UN-Lager auf Zypern. Er geht auf Leopold V. von Österreich aus dem Haus der Babenberger zurück. Das Camp hatte diesen Namen bereits während des österreichischen Einsatzes in Paphos erhalten und behielt ihn auch nach den späteren Verlegungen nach Larnaca und Famagusta. Camp Duke Leopold V. wurde damit über Jahrzehnte zum österreichischen Mittelpunkt im Osten Zyperns. Hier befanden sich das Bataillonskommando und die für den täglichen Betrieb notwendige Infrastruktur. Von hier aus wurden die Beobachtungsposten und Patrouillen im Sektor versorgt und besetzt.
In den Jahren nach der Verlegung nach Famagusta bestand der österreichische Einsatz aus einem Bataillonscamp, mehreren Kompanie-Kommandoposten und zahlreichen Beobachtungs- und Verbindungsposten. Ein Bericht des österreichischen Verteidigungsministeriums für das Jahr 1980 nennt neun Beobachtungsposten entlang der Waffenstillstandslinie im Bereich Deryneia und Athienou. Dazu kamen Beobachtungsposten beim verlassenen Stadtteil Varosha und vier Verbindungsposten in der Karpas-Region. Die Soldaten waren damit über ein relativ großes Gebiet verteilt. Ein erheblicher Teil des Dienstes bestand aus Patrouillen, Beobachtung und der regelmäßigen Besetzung der verschiedenen Posten.

Camp Duke Leopold V.

Camp Duke Leopold V.
Die österreichische Präsenz in Famagusta dauerte wesentlich länger als ursprünglich absehbar. Was 1972 als österreichische Beteiligung an einer UN-Friedensmission begonnen hatte, entwickelte sich zu einem der längsten Auslandseinsätze des Bundesheeres. Nach Paphos und Larnaca wurde Famagusta ab 1977 für fast ein Vierteljahrhundert zum Einsatzschwerpunkt. In dieser Zeit änderte sich auch die Zusammensetzung des österreichischen Kontingents. 1995 wurde ein ungarischer Zug in die österreichische Einheit integriert; aus dem österreichischen UN-Bataillon wurde damit zunächst ein österreichisch-ungarisches Bataillon. 1997 kam ein slowenischer Anteil hinzu. Der Einsatz war damit zunehmend international geprägt – ganz im Sinne einer UN-Friedensmission.
Nach 37 Jahren österreichischer Beteiligung endete der Einsatz des Bundesheeres in Zypern im Jahr 2001. Das österreichische Bataillon übergab die Verantwortung für den Ostsektor an ein slowakisches Kontingent. Insgesamt hatten während dieser 37 Jahre knapp 17.000 Angehörige des österreichischen Bundesheeres ihren Dienst im Rahmen der UN-Mission auf Zypern geleistet. Während der Kämpfe im Sommer 1974 kamen drei österreichische UN-Soldaten bei einem türkischen Luftangriff ums Leben. Insgesamt verloren während des österreichischen Zypern-Einsatzes 16 österreichische Soldaten ihr Leben. Für den Raum Famagusta bedeutete das Ende des österreichischen Einsatzes allerdings nicht das Ende der UN-Präsenz. Die Friedensmission blieb bestehen – nur die Soldaten, die über Jahrzehnte aus Österreich gekommen waren, wurden durch andere Kontingente ersetzt.
Eine Grenze, die keine sein soll
Das vielleicht Bemerkenswerteste an der Situation auf Zypern ist, dass die Teilung seit mehr als fünf Jahrzehnten besteht, ohne dass daraus eine offiziell anerkannte internationale Grenze geworden ist. Die UN-Pufferzone ist deshalb kein klassischer Grenzstreifen zwischen zwei Staaten. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Waffenstillstands, der den militärischen Status quo von 1974 festgeschrieben hat. Die Vereinten Nationen sind damit gleichzeitig Friedenssicherung und sichtbares Zeichen des ungelösten Konflikts. Solange keine politische Einigung erreicht wird, bleibt UNFICYP notwendig. Die Mission soll nicht die Teilung Zyperns dauerhaft verwalten, sondern die Voraussetzungen dafür erhalten, dass eine politische Lösung überhaupt möglich bleibt. Genau darin liegt das Paradoxon dieser ungewöhnlich langlebigen UN-Mission.
Eine geteilte Insel im Alltag
Für Reisende ist die Teilung heute vergleichsweise einfach zu erleben. Wer von der Republik Zypern in den Norden fährt, passiert einen Grenzübergang und kann – je nach Übergang und Verkehrsmittel – relativ unkompliziert die andere Seite besuchen. Trotzdem verschwindet die Teilung dadurch nicht. Man sieht sie an den UN-Fahrzeugen, an der Pufferzone, an verlassenen Gebäuden und an den unterschiedlichen politischen Symbolen. In Nikosia kann man innerhalb weniger Minuten von einer lebhaften Einkaufsstraße an einen Ort gelangen, an dem seit Jahrzehnten kaum etwas verändert wurde. Und auch außerhalb der Hauptstadt stößt man immer wieder auf Spuren der Vergangenheit. Zypern ist deshalb nicht einfach eine Insel mit zwei politischen Verwaltungen. Die Teilung ist in die Landschaft eingeschrieben. Sie gehört zu den Straßen, den Dörfern, den verlassenen Häusern und den Erinnerungen der Menschen.
Die UN als stiller Wächter
Mehr als fünfzig Jahre nach den Ereignissen von 1974 ist die Insel also weiterhin geteilt. Die Vereinten Nationen haben den Konflikt nicht gelöst – das können letztlich nur die Konfliktparteien selbst. Aber UNFICYP hat etwas ebenso Wichtiges erreicht: Seit dem Waffenstillstand von 1974 wurde auf Zypern ein erneuter großer Krieg verhindert. Die blauen UN-Flaggen entlang der Pufferzone sind deshalb weit mehr als ein touristisches Fotomotiv. Sie stehen für einen Konflikt, der bis heute ungelöst ist, aber gleichzeitig seit Jahrzehnten nicht wieder zum offenen Krieg geworden ist. Wer Zypern bereist, sollte diese Geschichte kennen. Denn hinter den Stränden von Ayia Napa, den antiken Ruinen von Kourion, den Bergen des Troodos und den Dörfern im Landesinneren liegt eine politische Geschichte, die das heutige Zypern entscheidend geprägt hat.
