Marterl, Bildstock, Kreuzgang und Brückenheilige
im Wald- und Weinviertel in Niederösterreich
Abseits von Burgen, Schlössern, Kirchen und Klöstern findet sich im nördlichen Niederösterreich eine Vielzahl kleiner religiöser Denkmäler, die wie selbstverständlich zur Landschaft gehören. Ein Kreuz am Feldrand, ein Bildstock an einer Weggabelung, eine Heiligenfigur an einer Brücke oder ein unscheinbares Marterl erzählen Geschichten, die teilweise mehrere Jahrhunderte zurückreichen.
Manchmal muss man allerdings genau hinsehen. Vieles davon steht heute etwas abseits der Hauptstraßen und wird von Bäumen, Hecken oder landwirtschaftlichen Flächen umgeben. Gerade diese kleinen Bauwerke machen einen Spaziergang oder eine Wanderung interessant. Sie sind gewissermaßen historische Wegbegleiter und zeigen, wie eng Landschaft, Glaube und Alltag früher miteinander verbunden waren.


Marterl – kleine Denkmäler am Weg
Der Begriff "Marterl" wird in Österreich meist als Sammelbezeichnung für verschiedene, zumeist "religiöse Kleindenkmäler" verwendet. Häufig handelt es sich um kleine Bildstöcke, Kreuze oder kleine Kapellen, die an ein bestimmtes Ereignis erinnern. Materl waren allerdings auch Grenzzeichen, Erinnerungszeichen, Unfallkreuze und Denkmäler mit praktischer Funktion
Der Name selbst verweist auf das Martyrium und damit ursprünglich auf Darstellungen des leidenden Christus. Im alltäglichen Sprachgebrauch hat sich "Marterl" jedoch zu einer wesentlich breiteren Bezeichnung entwickelt.
Viele dieser Denkmäler wurden aus einem konkreten Anlass errichtet. Sie können an einen Unfall, einen Todesfall oder eine überstandene Krankheit erinnern. Andere entstanden aus Dankbarkeit, als Bitte um Schutz oder als Zeichen persönlichen Glaubens. Manche wurden von einzelnen Familien gestiftet, andere von Dorfgemeinschaften.
Gerade im Wald- und Weinviertel finden sich zahlreiche solcher kleinen Erinnerungsorte. Sie stehen an alten Wegen, bei Kreuzungen, am Ortsrand oder mitten in der Kulturlandschaft. Manche sind reich verziert, andere bestehen lediglich aus einem schlichten Steinkreuz.
Heute noch werden sie größtenteils gepflegt und mit Blumen geschmückt. Bei anderen ist die ursprüngliche Bedeutung kaum mehr bekannt. Trotzdem gehören sie weiterhin zum Landschaftsbild.
Bildstöcke – religiöse Kunst in der Landschaft
Eine besondere Form der Kleindenkmäler sind die Bildstöcke. Sie bestehen meist aus einem Pfeiler oder einer Säule mit einem Aufsatz, in dem sich eine Nische oder ein Bild befindet. Darstellungen von Christus, Maria und verschiedenen Heiligen sind besonders häufig.
Im Weinviertel trifft man auf Bildstöcke häufig entlang alter Verkehrs- und Verbindungswege. Das ist kein Zufall. Bevor moderne Verkehrswege und motorisierte Mobilität die Landschaft bestimmten, waren diese Wege für Fußgänger, Fuhrwerke und Pilger wichtige Verbindungen zwischen den Orten.
Ein Bildstock konnte dabei mehrere Funktionen erfüllen. Er war religiöses Zeichen, Orientierungspunkt und zugleich ein Ort, an dem man kurz innehalten und beten konnte.
Die meisten Bildstöcke haben zudem einen regionalen Bezug. Die verwendeten Materialien, die Form der Steinsäule und die Gestaltung der Nischen unterscheiden sich teilweise deutlich. Dadurch sind sie auch interessante Zeugnisse der regionalen Handwerkskunst.


Kreuzgänge – eine andere Form der Stille
Während Marterl und Bildstöcke draußen in der Landschaft stehen, findet man Kreuzgänge meist im geschützten Bereich von Klöstern Kirchen und Stiften. Auch sie gehören zu den religiösen Bauformen, die einen ganz eigenen Charakter besitzen.
Ein Kreuzgang besteht aus einem überdachten, meist vierseitig um einen Innenhof angelegten Umgang. Er verbindet die verschiedenen Bereiche eines Klosters und war zugleich ein Ort der Ruhe und des Gebets.
Die Architektur ist häufig schlicht und klar gegliedert. Arkaden oder Säulen öffnen den Blick zum Innenhof, während die geschützten Gänge einen ruhigen Übergang zwischen den Gebäuden bilden.
Gerade im Waldviertel gibt es mit seinen zahlreichen Klöstern und ehemaligen Klosteranlagen interessante Beispiele. Der Kreuzgang unterscheidet sich dabei deutlich von den kleinen religiösen Denkmälern draußen auf den Wegen. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Funktion als Ort des Innehaltens.
Wer durch einen alten Kreuzgang geht, erlebt Geschichte nicht nur über Tafeln und Jahreszahlen. Man sieht die Spuren vergangener Jahrhunderte unmittelbar an den Mauern, Säulen, Grabplatten und Verzierungen.
Brückenheilige – Schutz an gefährlichen Übergängen
Besonders interessant sind die sogenannten Brückenheiligen. Ihre Figuren findet man an oder in unmittelbarer Nähe von Brücken und Übergängen. Sie erinnern an eine Zeit, in der das Überqueren eines Flusses keineswegs so selbstverständlich war wie heute.
Hochwasser, starke Strömungen und instabile Brücken konnten eine erhebliche Gefahr darstellen. Ein Heiliger als Schutzpatron sollte Reisende und Bewohner auf ihrem Weg begleiten und vor Unglück bewahren.
Zu den häufig dargestellten Heiligen gehört etwa der heilige Johannes Nepomuk. Er gilt als Schutzpatron der Brücken und wurde deshalb besonders häufig an Flussübergängen aufgestellt. Seine Darstellungen sind in vielen Teilen Österreichs zu finden.
Auch andere Heilige können an Brücken stehen. Ihre Auswahl hängt häufig mit ihrer jeweiligen Funktion als Schutzpatron zusammen. So können Figuren von Florian, Nikolaus oder anderen Heiligen einen regionalen oder persönlichen Bezug haben.
Eine Brückenfigur ist deshalb mehr als nur eine Verzierung des Bauwerks. Sie erinnert an die Bedeutung des Flusses, der Brücke und des Verkehrsweges für die Menschen früherer Zeiten.


Heiligenfiguren im Ortsbild
Heiligenfiguren begegnen uns im Wald- und Weinviertel aber nicht nur an Brücken. Sie finden sich an Kirchen, auf Plätzen, an Hausfassaden, in Kapellen und manchmal auch an eher unerwarteten Stellen.
Für die Menschen vergangener Jahrhunderte waren Heilige keine rein kirchlichen Figuren. Sie gehörten zum täglichen Leben. Jeder Heilige hatte bestimmte Aufgaben und Schutzfunktionen. Man bat um Hilfe bei Krankheit, Unwettern, Feuer, Viehseuchen oder auf Reisen.
Besonders deutlich wird das bei den Darstellungen von sogenannten Nothelfern. Ihre Verehrung war häufig mit konkreten Sorgen des täglichen Lebens verbunden.
Heute begegnen wir diesen Figuren mit einem gewissen historischen Abstand. Trotzdem vermitteln sie einen Eindruck davon, welche Bedeutung Religion und Aberglaube, Hoffnung und Schutz früher im Alltag hatten.
Eine Landschaft voller Kleindenkmäler
Niederösterreich besitzt einen außergewöhnlichen Reichtum an Klein- und Flurdenkmälern. Schätzungen gehen von rund 45.000 Objekten aus, darunter Bildstöcke, Wegkreuze, Kapellen, Marterl und Heiligenfiguren. Viele davon stehen nicht zufällig an ihrem heutigen Platz. Alte Verbindungswege zwischen Dörfern, Wege zu Kirchen und Wallfahrtsorten, Kreuzungen und frühere Verkehrswege waren typische Standorte.
Ihre ursprüngliche Bedeutung war dabei sehr unterschiedlich. Manche sollten Schutz vor Unwettern, Krankheiten oder anderen Gefahren bieten, andere erinnerten an einen Unfall oder einen verstorbenen Menschen. Wieder andere wurden aus Dankbarkeit nach einer erhörten Bitte errichtet. Es gab aber auch ganz praktische Gründe: Wegkreuze konnten Reisenden als Orientierungspunkte dienen, während manche Kleindenkmäler einst Gemeinde-, Besitz- oder andere Grenzen markierten.
Wer heute durch das Wald- und Weinviertel wandert, begegnet damit nicht einfach nur alten religiösen Darstellungen. Jedes dieser kleinen Bauwerke kann ein Stück Orts- und Landschaftsgeschichte erzählen. Nicht immer ist die ursprüngliche Geschichte noch bekannt – aber gerade die Suche danach macht viele dieser unscheinbaren Wegbegleiter interessant.


Unterwegs im Wald- und Weinviertel
Wer durch das Wald- oder Weinviertel wandert, begegnet daher immer wieder einer Art Freiluftmuseum. Zwischen Wäldern, Feldern, Weingärten und kleinen Ortschaften stehen religiöse Kleindenkmäler, die gemeinsam ein Stück regionaler Geschichte erzählen.
Marterl, Bildstöcke, Kreuzgänge und Brückenheilige sind stille Bestandteile der niederösterreichischen Kulturlandschaft. Sie erzählen von Glauben und Hoffnung, von Dankbarkeit und Sorge, aber auch vom ganz alltäglichen Leben früherer Generationen.
Ihr besonderer Reiz liegt vielleicht gerade darin, dass sie nicht im Museum stehen. Sie befinden sich dort, wo Menschen seit Jahrhunderten leben, arbeiten und unterwegs sind – mitten in der Landschaft des Wald- und Weinviertels.
Weiterführend
Wer mehr über einzelne Objekte erfahren möchte, findet auf https://www.marterl.at/ eine umfangreiche Datenbank mit Karte der niederösterreichischen Klein- und Flurdenkmäler. Dort werden die erfassten Objekte beschrieben und teilweise auch mit Bildern und weiteren Informationen dokumentiert.
Materl-Wanderweg
In Lengenfeld bei Krems an der Donau gibt es sogar einen Materl-Wanderweg

































































































